
Das Urbarium von 1687 Die Geschichte der Weberei ist fest mit der Geschichte der Oberlausitz verbunden. Bei uns in der Oberlausitz dehnen sich die Siedlungen meist lang in den Tälern. Immer reihen sich an den beiden Seiten die Bauernhöfe, am Schlängellauf des Baches und an der Straße die Häuser der Handwerker. In vielen Orten steht noch manches aus alten Zeiten, anheimelnd sind ihre Bohlenwände mit den Umgebinden. Aus weißer, oft schön geformter Umrahmung lugen die kleinscheibigen Fenster. Die dicken Strohschoben hat man ihnen längst heruntergerissen, dafür haben sie jetzt ein rotes oder blaues, manchmal gemustertes Schieferdach erhalten. Das sind unsere oberlausitzer Weberhäuser. Wer die Sprache dieser Häuser versteht, der kann sich von ihnen die ganze Geschichte der Lausitzer Weberei erzählen lassen. Auf den Bauernhöfen beginnt die Geschichte. Die Textilindustrie der Oberlausitz hat in der Hausweberei der Bauern ihre Wurzeln. Leineweberei und Tuchmacherei dienten ursprünglich nur der Selbstversorgung. Die Tuchmacherei erhielt durch im 13. Jahrhundert zugewanderte Flamen einen Aufschwung. Die Stadt Zittau hatte um 1367 über 600 Meister und Gesellen in der Zunft der Wollweber. Seit 1284 bestand auch schon in Bautzen ein Gewandhaus, welches dem Tuchhandel diente. Auch Löbau hatte dann später ein Gewandhaus, heute Eckhaus am Theaterplatz. Bautzen, Görlitz und Kamenz besaßen das Monopol des jährlichen Wollmarktes. Bis ins letzte Viertel des 19. Jahrhunderts war Bautzen der Hauptort der Tuchmacherei. Ab Mitte des 15. Jahrhunderts entwickelte sich die Arbeitsteilung in dieser Branche. Es bildeten sich eigene Handwerke und Innungen, wie die der Färber und Drucker, heraus. Der Dreißigjährige Krieg hielt die Entwicklung lange auf, so dass die erneute Blütezeit der Tuchmacherei erst um 1750 erreicht wurde. Die Stadt Bautzen produzierte damals immerhin 27000 Stück Tuch jährlich. Die Leineweberei ist ein altes städtisches Gewerbe unter bedeutendem Einfluss der Zünfte. Ab Mitte des 16. Jahrhunderts setzte sich die Leineweberei auch auf dem Lande durch und entwickelte sich zur Heimindustrie. Oderwitz, Olbersdorf und Herwigsdorf waren die ersten Weberdörfer. Nach dem Dreißigjährigen Krieg erlaubte zum Beispiel auch die Stadt Zittau das Weben in ihren Ratsdörfern und verlangte das sogenannte Stuhlgeld, 1 Taler pro Webstuhl. Auch bei uns hatte sich die Weberei schon frühzeitig etabliert. Gute Voraussetzungen dazu waren das reichliche Rohstoffaufkommen im unmittelbaren Umfeld. So züchtete allein unser Rittergut etwa 500 Schafe und jeder Bauernhof verfügte zusätzlich über eine kleine Herde. Die Schafherde des Rittergutes brachte jährlich etwa 50 Stein Wolle ein. Stein war eine Maßeinheit (Gewichtsmaß) und als Handelsgewicht in verschiedenen Regionen Europas in Gebrauch. Das schon im 17. Jahrhundert bekannte Maß war recht verschieden und warenabhängig. Auch gab es einen Unterschied zwischen dem Maß großer oder schwerer Stein und Kramergewicht. Wurde Flachs und Wolle gewogen, hatte man zwei verschiedene Steine, die bei Wolle nur halb so schwer waren. Das Maß Stein war in der Textilindustrie sehr beliebt. Ein Stein wog bei uns 20,5 Pfund. Da 1 Kilogramm 2,2046 Pfund entspricht war der Ertrag ca. 465kg Wolle im Jahr. Von den 500 Schafen vom Rittergut wurden ca 110 Lämmer jährlich aufgezogen. Wenn man nun abzüglich der eigenen Wirtschaftsbedürfnisse und des Verkaufs von alten Beständen absieht, hatte das Rittergut eine Gesamtgewinn der Schäfereinutzung von 644 Talern und 14 Groschen im Jahr. Das waren reichlich 200 Taler mehr, als die Rinderzucht erbrachte. Um die Arbeiten rund um die Schafzucht zu bewältigen, stand schon im ersten Urbarium (Ein Urbar oder laterinisirt Urbarium ist ein Verzeichnis über Besitzrechte einer Grundherrschaft und zu erbringende Leistungen ihrer Grunduntertanen. ) neun bestimmte Personen ,die „helfen bey der Schaar die Wolle abnehmen“. Die Abfuhr der Wolle besorgten die Bauern. Auch wurden nicht nur von den Bauern auf den Feldern, sondern auch von den Gärtnern kleine Flächen ,mit Flachs bestellt. Die besondere wirtschaftliche Bedeutung, die unsere südliche Oberlausitz später erlangen sollte, hat darin ihren Ursprung. Der Bauernhof erzeugte Brot und den Stoff für die Weberei, Wolle und Flachs. Welchen Umfang der Flachsanbau und die Arbeit des Spinnens im Leben unser Dürrhennersdorfer früher hatten, das ließen die Urbarien erkennen. Groß – und Kleinbauern und Gärtner waren verpflichtet, für die Herrschaft jährlich ein Stück zu spinnen. Beim Aufwinden des Garns auf die Zählhaspel wurde nacheinander jeweils eine regional unterschiedliche Anzahl sogenannter Faden zu einem Gebinde verschnürt oder abgebunden. Daher der Name „Gebinde“. Eine bestimmte Menge von Gebinden bildete schließlich den fertigen Garnstrang. Ein Faden wurde durch eine volle Umdrehung einer Haspel abgemessen. Die Fadenlänge war daher vom Umfang der Haspel abhängig. • 1 Faden = 3,5 Elen Haspelumfang • 1 Gebinde = 40 Faden • 1 Toll = 10 Gebinde = 400 Faden • 1 Stück = 2 Toll = 20 Gebinde = 800 Faden • 1 Spule/Spule/Spul Garn = 2 Stück = 4 Toll = 40 Gebinde = 1600 Faden Häusler spannen „Flächsen Garn“ und „Mittelgarn“,jährlich zwei Stück. Noch 1830 zahlte die Herrschaft 23 Reichstaler, 8 Groschen für das Spinnen von 140 Stück Werg und Flachs. Stammhaus der Leinwandhändler Israel. Ab 1892 die erste Postagentur, die Oskar Israel, ein Sohn Karl Israels, übernahm. Bis 1838 hatten die Grundherren das Recht sämtliche Flächen ihrer Untertanen von Michaelis (29.September) bis Walpurgis (30.April) zu beweiden ( Abschluss des Dienstablösungsvergleichs bei uns in Dürrhennersdorf , Gesetz vom 17. März 1832 – Ablösungsgesetz für die Diensturbarien ). Nach dem nun dieses Recht weggefallen war, ging die Schafhaltung des Rittergutes schlagartig zurück. In dem Hauptanschlag für den Niederhof unseres Ortes aus dem Jahre 1830 wird unter anderem auch die Einnahme von Stuhlgeld von insgesamt 60 Webstühlen verzeichnet. Einige Bauern hatten mehrere Webstühle in Betrieb. Bei uns in Dürrhennersdorf war der an die Grundherrschaft zu entrichtende Stuhlzins günstiger als in anderen Orten. Es musste nur Stuhlgeld für jeden zweiten und weiteren Webstuhl entrichtet werden. Als 1813 die Russen unser Land verließen, nahm ein russischer Soldat eine Dürrhennersdorferin als sein Weib mit. Es war die Tochter von „Drückersch“. Sie soll während der Aufstände in Polen 1847 den Tod gefunden haben. Drückersch ( Drucker) und Färbersch (Färber) hatten die beiden Häuser am Niederdorfer Mühlgraben, die später Adolf Israel und der „Alten Heidrichen“ gehörten. Hier war also schon Färben und Drucken als Ergänzung der heimischen Weberei betrieben worden. Als erste Leinwandfaktoren werden Zschornick, Israel und Profft genannt. Der erste Leinwandhändler Zschornick scheint noch keinen großen Erfolg gehabt zu haben. Dann aber traten die Familie Israel und Profft auf den Plan. Das Haus Nr. 37 unterhalb der oberen Schmiede, das später die Postagentur erhielt, ist das Stammhaus. Jetzt steht dort das neu erbaute Haus der Familie Vogt, Hauptstraße 43. Karl, Ernst und Adolf Israel und deren Schwester Christiane hatten den richtigen Unternehmergeist. Christiane wurde später die Frau des Landmessers Profft. Karl Israel war Makler, Vermittler. Fuderweise holte er das Garn von dem Eibauer Ausfuhrgeschäft Neumann, scherte es, gab es an die Hausweber aus und lieferte die Leinwand an Neumann wieder ab. Karl Israel fungierte somit als Unterfaktor, auch Sammler genannt, des Großhändlers ( Verlegers, Oberfaktors ) Neumann aus Eibau. Sein Bruder Ernst, der ein Haus im Oberdorf erwarb, zog selbst auf die Märkte in Bautzen, Dresden und auf die Leipziger Messen. Das Edikt von Nantes aus dem Jahre 1648 unterband den Handel zwischen Frankreich und England, wodurch in der Folgezeit der Handel zwischen der südlichen Oberlausitz und England über Hamburg einen starken Aufschwung nahm. Über Hamburg und Leipzig erfolgte der Handel mit England und Spanien. Die kleine Stadt Herrnhut zum Beispiel mit dem Handelshaus Dürninger lieferte sogar nach Südamerika. Bei Ernst Israel wurde die Ware zunächst auf vier eigenen Stühlen gewirkt. Sie muss den Namen „ Feines Lausitzer Leinen“ verdient und die Kunden befriedigt haben. Ernst Israel sah sich genötigt, Gesellen anzunehmen und gab dann auch noch an acht andere Weber zu wirken aus. Auch Adolf Israel ließ Leinwand herstellen und bezog Märkte und Messen. Viel später verlegte er sich auf den Handel mit Arbeitskleidung. Im Volksmund hießen sie bei uns „Leimd Janz Ernst“, „Leimd Janz Karl“, „Leimd Janz Adolf“, und dieser Zunahme war nicht nur zutreffend, er war in diesem Fall sogar ein Ehrennahme. Er brachte die Bedeutung, die seine Träger für das heimische Gewerbe hatten, zum Ausdruck. Auch die Kinder der drei führten diese Namen noch. Der Sohn Ernst Israel, Theobald Israel, hat als einziger die Tradition der Familie fortgesetzt und in Beiersdorf die Weberei von Max Meier übernommen. Sie war, von einem aus Cunewalde stammenden, Friedrich Wilhelm Kloss gegründet worden. Bei uns im Dorf hatte die Schwester der Leimd Janze , Christiane Profft, mit ihrem Sohn Robert das Leinewandgeschäft weiter ausgebaut. Als sie nach dem plötzlichen Tode ihres Mannes damit begann, hatte sie Mühe, einheimische Hausweber zu bekommen. Bisher hatten die Dürrhennersdorfer für Engler und Bombach in Obercunnersdorf, für Rößler in Ebersbach und für einige andere auswärtige Fabrikanten gearbeitet. Nach Neugersdorf hatten sie einen schmalen gestreiften Stoff, „Matrosel“ genannt, geliefert. Nun konnten sie es bequemer haben, dennoch gaben sie nur nach und nach die alten Verbindungen auf. Proffts mussten daher Weber in den umliegenden Dörfern beschäftigen. Mit Fuhrwerken wurde die Ware nach den Marktstädten gefahren. Es holten sich immer mehr Dürrhennersdorfer die Werften bei Proffts. Die nicht wirkten, trieben für sie. Bettzeug, Handtücher und andere Wäschestoffe, Reinleinen, Halbleinen und Baumwolle fanden in immer größeren Mengen den Weg in die Welt hinaus. Das kleine Weberhaus, in dem der Landmesser gewohnt hatte, war mit dem Umfang des Geschäfts gewachsen. Viele kennen noch das Haus neben der Bäckerei Heidorn in dem früher der Konsum war mit der Hausnummer 135, später Hauptstraße 39. Bis 1945 befand sich auch ein Laden vom Dürrhennersdorfer Musik - und Buchverlag Alwin Hempel darin. Im Jahre 2010 wurde es abgerissen. Proffts waren zu einem Mittelpunkt im gewerblichen Leben unseres Dorfes geworden. Aufgrund der schlechter gewordenen Marktlage gab die Familie Profft im Jahre 1916 den Leinwandhandel auf und betrieb nur noch Landwirtschaft. Sie hatten gegenüber dem Stammhaus ein neues Bauerngut errichtet. Früher trug das Gut die Hausnummer 34, heute Hauptstraße 50 der Familie Stiller Horst. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert´s wurde in Großschweidnitz eine Bleicherei von einem englischen Fabrikanten errichtet. Deshalb heißt sie bis heute „Engelei“. Auch Dürrhennersdorfer gingen dort zur Arbeit. Einige auch nach Ebersbach und Neugersdorf. Eine neue Zeit brach an. Durch den Eisenbahnbau Löbau – Ebersbach – Rumburg hatte Dürrhennersdorf die Verbindung mit der Welt bekommen. Gleich nach dem Deutsch-Französischen-Krieg 1870 – 1871 wurde mit dem Bahnbau begonnen. Zur Überwindung der großen Steigung von Großschweidnitz her musste die Strecke einen weiten Bogen nach Neucunnersdorf machen. Auch mussten im Ort einige Brücken gebaut werden. Ungefähr zwischen der Höhe des Wohnhauses von Familie Krause, vorher vielen noch bekannt als der Familie Schröder, bis zum Haus der Familie Hiecke musste ein Viadukt gebaut werden.Dieser Viadukt mit 4 Bögen wurde am 08. Mai 1945 gesprengt. Am 1. November 1873 verkehrte der erste Zug von Löbau nach Ebersbach. Am 31. Oktober 1892 wurde dann die Kleinbahnstrecke Dürrhennersdorf, Schönbach, Beiersdorf, Oppach und Taubenheim eingeweiht. Die Bahnverbindung förderte das Leben unseres Dorfes. Viele Männer, die schon beim Bau der Strecken beschäftigt worden waren, fanden Anstellungen bei der Bahn. Einige auf der Bahnmeisterei und andere auf der Station. Schließlich bildete die Verkehrserleichterung durch die Eisenbahn auch die Bedingung zur Gründung der Fabrik E. Jähne bei uns in Dürrhennersdorf. Ernst Jähne aus Schönbach wollte die Fabrik zunächst in Schönbach errichten. Er hatte jedoch im Ort viele Gegenspieler, die die Bauern überredeten, ihm kein Land zu verkaufen. So wurde aus dem Plan nichts. Ihm wurde geraten, doch in Dürrhennersdorf zu bauen. Ernst Jähne, den viele Dürrhennersdorfer kannten, fand allgemeine Zustimmung, als er sich zum Bau der Fabrik in Dürrhennersdorf entschloss. Nun würden viele nicht mehr den Weg in die Engelei oder bis nach Ebersbach wandern müssen. Mancher Hausweber würde Gelegenheit zu höherem Verdienst erhalten. Die meisten wollten ihre Arbeit am Handwebstuhl treu bleiben. Die Jüngeren unter ihnen jedoch wollten an die mechanischen Stühle in den Fabriken. Von dem Bahnbeamten Gottlieb Wünsche kaufte Jähne das Haus, in das er Wohnung und Kontor einrichten wollte. Das an der Bahnstrecke gelegene Feldstück kaufte er von Bauer Krauße. 1898 begannen die Vorarbeiten. Die erste richtige Fabrik sollte in Dürrhennersdorf entstehen. Es wurde Baumaterial angefahren, vermessen, abgesteckt und der Grund wurde ausgehoben. Der Bau wuchs, ein Scheddbau vollendete sich. Ein Scheddbau ist eine Dachform, die vor allem bei Bauten mit großen Grundflächen wie zum Beispiel Fabrik-, Ausstellungs- und Mehrzweckhallen konstruiert wurde. Die Scheddächer sind Mitte des 19. Jahrhunderts bei Fabrikbauten in England aufgekommen. Ihr Vorteil ist, dass eine Ausleuchtung durch den natürlichen Lichteinfall aus Norden blendfrei ohne Bildung von Schlagschatten ermöglicht wird. Ein zusätzlicher positiver Effekt der Ausrichtung der Scheddächer nach Norden ist die Minimierung unerwünschter Hitze; die direkte Sonneneinstrahlung ist verhältnismäßig gering. Schlank und hoch überragte die gelbe Esse den Bau. Ein neues Wahrzeichen unseres Ortes war entstanden. Es bewies, dass die Industriealisierung an unserem Ort nicht vorbeigegangen war. Monteure aus einer westsächsischen Stadt ( wahrscheinlich Glaucha, weil es damals einen Webstuhl, -Jacquardmaschinen und Webutensilien-Fabrik Hermann Gentsch, Inhaber M. Poege in Glauchau i/Sachsen gab. ) quartierten sich ein. Nun kamen die ersten Maschinen. Der Dampfkessel, die Dampfmaschine und die ersten mechanischen Stühle wurden aufgebaut. Die Transmissionen und die Dampfheizungsröhre wurden angelegt. Nun kam der Tag an dem der Kessel zum ersten Mal geheizt und die Dampfmaschine in Gang gesetzt wurde. Ein großer Moment war auch als der große Generator ausprobiert wurde. 1902 erfolgte die Inbetriebnahme der Fabrik mit zunächst 25 Webstühlen. Zubereitet wurde hinter einer Bretterwand in einer Ecke des großen Saales. Das Spulen und Treiben besorgten zunächst noch die Heimarbeiter. Reinleinene Sachen, vor allem die nach der Firma benannten J-Wischtücher, halbleinene und baumwollene Stoffe, Inletts und die auf Jacquardstühlen hergestellten Bettzeuge mit eingewebten Schriften fanden guten Absatz. Es mussten neue Webstühle aufgestellt werden, 54 Webstühle waren dann in Betrieb. Inzwischen war Ernst Jähne mit seiner Frau in das erworbene Haus ( Hausnummer 149 jetzt Straße des Friedens 7 ) gezogen. Er und seine Frau betreuten das Geschäft. Es konnte ein besonderer Anbau zur Veredlung der Webwaren errichtet werden. Kalander, Stärkmaschine, Spannrahmen zum Trocknen und die Appretur kamen hinein. Das Unternehmen entwickelte sich gut. So haben wir zwei Urkunden von der Handelskammer Leipzig und des Rates der Stadt Leipzig, vom 28 August 1911, gerichtet an Ernst Jähne. „ ….Wie wir erst jetzt in Erfahrung bringen konnten, haben Sie zur vergangenen Ostermesse die Leipziger Textilmesse zu hundertsten Male in ununterbrochener Reihenfolge besucht. Wir benutzen die Gelegenheit, um Ihnen zu Ihrem nunmehrigen 101. Messebesuch unsere herzlichen Glückwünsche und unseren Dank für Ihre Treue und Ausdauer auszusprechen. Es ist ein seltener Beweis treuer Anhänglichkeit, ein Beweis, welch enges Verhältnis sich zwischen Ihnen und den hiesigen Messen herausgebildet hat und ein neues Zeichen dafür, welch feste Beziehungen zwischen den Herrn Messebesuchern und unserer Stadt Leipzig besteht. Möge es Ihnen vergönnt sein, Ihre Messebesuche noch recht lange fortzuführen. Das ist unser herzlichster Wunsch Die Handelskammer Leipzig“ So hatte Jähne die Grundlage geschaffen, dass der Betrieb in ein noch größeres Unternehmen ausgebaut werden konnte. Aber plötzlich wendete sich das Blatt. Obwohl Herr Jähne und seine Frau das Geschäft sehr gut betreuten und rastlos tätig waren, konnten sie das Unheil nicht abwenden. Als verschiedene Firmen zusammenbrachen, wurde durch geschäftliche Verbindungen bedingt, auch die Firma Jähne in Mitleidenschaft gezogen. 1914 musste man in Konkurs gehen. Das Werk bestand weiter. Noch im selben Jahr, 1914 übernahm August Herold,der aus Sohland stammte, den Betrieb. Er wurde von ihm durch die schweren Zeiten des I. Weltkrieges und der ihm folgenden wirtschaftlichen Krise geführt. 1918 war der I. Weltkrieg zu Ende, die Weltwirtschaftskrise begann. Inflation und Arbeitslosigkeit breiteten sich aus. Für Dürrhennersdorf glücklicherweiße , wusste August Herold seinen Betrieb aufrecht zu erhalten, obwohl er auch nur einen Teil der Webstühle laufen lassen konnte. Im Frühjahr 1922 kostete das Stück Butter 39 Mark. Ende August musste man schon125 Mark dafür bezahlen. Für das Pfund Brot zahlte man 8 Mark. Die Inflation stieg weiter, rasch sank der Wert der Deutschen Mark. Januar 1923 kostete der Liter Milch bereits150 Mark und das Stück Butter 1.000 Mark. Noch nie wurde bei uns mit so hohen Summen gerechnet. Einige Monate später waren das lächerlich geringe Summen. Man rechnete bereits mit Millionen und Billionen. Im Oktober gab es bereits Gehälter in Milliarden. Diese Summe ist jedoch nicht hoch, wenn man bedenkt, dass eine Semmel 1,5 Millionen Mark und 120 Millionen ein Stück Butter kosteten. Im November stand der Dollar auf 4.218.000.000.000 Mark. August Herold hatte die Fabrik um einige Scheds und die Färberei erweitert. Er verstand, sich Aufträge und Material zu verschaffen. So konnte er wieder ca. siebzig Leuten Verdienst geben und diese Zahl stieg noch. Als am 01. Mai 1925 unsere Kirche ein neues Geläut bekam stiftete August Herold die mittlere Glocke. „ Der Gemeinde Dürrhennersdorf gewidmet von August Herold“ stand auf der Rückseite der Glocke. Der Betrieb erholte sich im Laufe der Jahre wieder und stellte in der Hauptsache Handtücher, Wischtücher, Bettlaken und Inletts her, später auch Seihtücher und Tischdecken. 1928 hatte es August Herold geschafft, dass schließlich 200 Webstühle in Betrieb waren. 1929 wurde ein neuer Dampfkessel aufgestellt. Darüber konnte man im Görlitzer Anzeiger am Sonntag dem 20. Januar 1929 folgendes lesen: „Ein Riesenkessel – Zu einem sehr schwierigen Transport gestaltete sich die Einholung des neuen Kessels vom Bahnhof Dürrhennersdorf, der für die Mechanische Weberei von A.Herold bestimmt ist. Der Kessel, ein Zweiflammenwellrohr-Dampfkessel von der Firma J.E. Christoph AG in Niesky/Ol, hat das ansehnliche Gewicht von 430 Zentnern (43 t), ist 10,30 Meter lang und hat einen Durchmesser von 2,60 Metern. Die Heizfläche beträgt 103 Quadratmeter, der Betriebsdruck ist 12 Atmosphären. Der Kessel wurde auf einen sogenannten Kesselwagen montiert und von einem Lastkraftwagen, dem später ein zweiter vorgespannt wurde, gezogen. Obwohl dem Transport die hartgefrorenen Wege sehr zustatten kamen, wurde die Lage doch manchmal sehr ernst, da die Kraftwagen bei der Glätte leicht ins Rutschen kamen.“ August Herold war verheiratet mit Frl. Berta Herberg aus Sohland und aus dieser Ehe gingen zwei Kinder hervor – Helene Herold und Kurt Herold. Seine Tochter Helene war in der betriebseigenen Näherei beschäftigt und sein Sohn Kurt kam zu einem Jura-Studium nach Leipzig. Die Ehe mit Frau Berta Herold wurde nach einigen Jahren geschieden. Nach einiger Zeit darauf schloss er eine neue Ehe mit Frl. Charlotte Wünschmann aus Dresden. Anfang 1932 musste die Fabrik als Folge der Weltwirtschaftskrise kurz stillgelegt werden. Im August 1932 starb August Herold und somit musste sein Sohn Kurt das Jurastudium unterbrechen. Um später den Betrieb selbst zu leiten, ging er an die Ingenieurschule für Textiltechnik Reichenbach im Vogtland, welche er mit guten Ergebnissen absolvierte. Anschließend hat er dann in den verschiedensten Textilbetrieben volontiert, um sich praktische Eigenschaften zu erwerben. Er sollte ja den Betrieb seines Vaters weiterführen. Durch Aufträge für den Heeresbedarf war ab 1934 wieder Vollbeschäftigung mit etwa 100 Webstühlen erreicht. In der Zwischenzeit ,bis zum Abschluss der Ausbildung von Kurt Herold (1939), führte seine Stiefmutter Charlotte Herold den Betrieb weiter. Sie wurde von dem befreundeten Notar, Herrn Dr. May aus Dresden als vorläufige Geschäftsführerin eingesetzt. Ihr zur Seite standen tüchtige Mitarbeiter, wie Meister in der Weberei und Angestellte im Büro. Angestellte im Büro waren damals Herr Kurt Wagner als Prokurist, Herr Walter Seidel und Herr Zimmer als Buchhalter und eine Schreibkraft. Anfang des Jahres 1939 hatte Kurt Herold seine Ausbildung beendet und wurde als Weberei-Leiter in der August Herold GmbH eingesetzt. Anfang des selben Jahres war das 25jährige Betriebsjubiläum. Am 29. Juli 1939 heiratete Herr Kurt Herold Frl. Mariechen Hirschofer aus Neugersdorf. Die Hochzeit fand im Kurort Oybin statt. Eine Hochzeitsreise führte das Paar ca. 4 Wochen durch Deutschland und Österreich. Nach der Heimkehr lag bereits der Einberufungsbefehl zur Wehrmacht vor und Kurt Herold wurde als Unteroffizier nach Bautzen beordert. Schon nach ca. 14 Tagen ging es dann von dort aus nach Polen, auch nach Frankreich zur Besetzung. Während dieser Zeit wurde Kurt Herold zum Leutnant befördert. Nach einem Genesungsurlaub in der Heimat, verursacht durch einen Armbruch beim Reiten, fuhr er nach Frankreich zurück. Kurze Zeit darauf ging es in den Krieg an die Ostfront. Am 07. Oktober 1941 ist Kurt Herold als Oberleutnant eines Infanterie - Regiments in Saborje Jarzewo, zwischen Moskau und Smolensk, an der Ostfront gefallen. Frau Charlotte Herold führte den Betrieb weiter. Sie wurde unterstützt von ihrer Schwiegertochter, Mariechen Herold, welche als Kaufmann in den Vereinigten Textilwerken Wagner & Moras AG in Zittau und später in der Spinnerei und Weberei AG Ebersbach ausgebildet worden war. Bis zu ihrer Heirat war sie Sekretärin bei Herrn Direktor Erhard Herzog. Am 02. August 1943 hat Frau Mariechen Herold wieder geheiratet und zwar den Bankkaufmann Herbert Kunert aus Warnsdorf ( Sudetenland). Aus dieser Ehe wurde im Jahre 1944 eine Tochter , Monika, geboren. Dadurch hörte erst mal ihre Mitarbeit im Betrieb August Herold GmbH auf. Am 07. Mai 1945 wurden unsere Einwohner von Dürrhennersdorf aufgefordert, den Ort zu verlassen und sich einem Treck in Richtung Tetschen – Bodenbach anzuschließen, weil die Front schon in unmittelbarer Nähe war. Schon am 16. April 1945 überschritten Einheiten der 1. Ukrainischen Front nördlich von Görlitz, zwischen Rothenburg und Krauscha, die Neiße. Der Sowjetarmee standen Elitetruppen der Heeresgruppe Mitte entgegen, die in drei zwischen Neiße und Spree gestaffelten Verteidigungslinien sich noch erbitterte Kämpfe lieferten und sogar Gegenstöße unternahmen. Hier kam es bis Ende April zu schweren Kämpfen, in denen noch einmal viele Soldaten beider Seiten ihr Leben einbüßten. In unserem Gebiet standen sich damals vor der Ukrainischen Front die 28. Armee und die 52. Armee sowie die 2. Polnische Armee, dagegen die 10. SS Panzerdivision, 1.Fallschirm Panzerdivision Hermann Göring, 4. Panzerarmee und die 29. Panzergrenadierdivision gegenüber. Frau Charlotte Herold mit Mutter und Frau Mariechen Kunert mit Tochter Monika verließen am 07. Mai 1945 unseren Ort mit zwei verschiedenen Fahrzeugen und verloren sich später aus den Augen. Ende Mai 1945 waren dann die Kriegshandlungen vorbei. Frau Mariechen Kunert mit Kind kehrten wohlbehalten zurück, aber Frau Charlotte Herold wurde seit dieser Zeit vermisst. Durch Nachforschungen wurde nach Jahren bekannt, dass eine Frau dieser Beschreibung in einem Krankenhaus im Sudetenland verstorben sei. Ihr Name war dort nicht bekannt! Nun war der Betrieb August Herold wieder ohne Führung und es wurde noch im Jahre 1945 ein Betriebsleiter, ein Herr Holzegel, eingesetzt. Frau Kunert war dazu nicht in der Lage. Sie musste ihre einjährige Tochter betreuen, auch befand sich ihr Mann noch in amerikanischer Gefangenschaft. Am 17.Oktober 1947 brach nachts ein Brand in der Firma aus. Er erfasste den gesamten Lagerraum. Die darunter liegende Rauherei wurde nicht erfasst und auch die Weberei blieb verschont. Der Anlass des Brandes wurde nie geklärt. Betriebsleiter, Herr Holzegel, wurde sofort verhaftet. Da ein Nachtwächter fehlte, hatte Herr Holzegel selbst die Nachtwache übernommen. Die Wächteruhr im Betrieb war jedoch nicht gestochen. In der Annahme, es werde schon nichts passieren, ist wahrscheinlich der Kontrollgang ausgeblieben. Die Schuld an dem Brand wurde ihm zugesprochen. Über sein weiteres Schicksal ist uns nichts bekannt. So kam es, dass sofort ein Treuhänder - Herr Hermann Schulze aus Neusalza-Spremberg , von Beruf Maurer ( VDN ) , als Betriebsleiter eingesetzt wurde. Wahrscheinlich wurde er von dem damaligen Bürgermeister im Ort, Herrn Richard Müllrich, vorgeschlagen. Gleichzeitig wurde ein technischer Leiter, Herr Hans Rolle aus Kottmarsdorf, eingesetzt. Seine Leistungen waren hervorragend, was man von Herrn Schulze nicht sagen konnte! Seine Arbeitsweise war in keiner Beziehung befriedigend und so wurde er nach ca. 3 Jahren vom damaligen Landratsamt Löbau wegen mangelnder Fähigkeit suspendiert. 1950 wurde von den Gesellschaftern der Firma ( GmbH ) ein neuer Betriebsleiter gefunden. Es war ein Herr Haschke, welcher von einer Bandweberei aus Pulsnitz kam. In kurzer Zeit hatte er sich sehr gut eingearbeitet. Leider verstarb er nach einer schweren Krankheit im Löbauer Krankenhaus. Erneut musste eine Kraft gefunden werden, die den Betrieb leiten konnte. Ein Herr Weiß meldete sich, der in der Firma Ernst Fritz GmbH Ebersbach tätig war. Nach der Rückkehr des Sohnes Otto Fritz aus der Kriegsgefangenschaft wurde Herr Weiß nicht mehr benötigt und die Firma August Herold stellte ihn als Betriebsdirektor ein. Der Betrieb musste sich im Laufe der Jahre von einigen altbewährten Artikeln trennen und in der Hauptsache schwere technische Gewebe produzieren ( Kunstledergewebe, Zeltbahnenstoffe usw.). Im Jahre 1958 verlebte Herr Weiß seinen geplanten Urlaub in Westdeutschland, kehrte aber von dort nicht mehr zurück. Frau Kunert arbeitete von 1954 bis 1958 stundenweise neben Herrn Weiß als geschäftsführende Gesellschafterin mit und gewann in dieser Zeit die erforderlichen Kenntnisse, um den Betrieb weiterzuführen. Ihr zur Seite standen weiterhin die altbewährten guten Kräfte. Eine Gesellschafterversammlung wurde einberufen: An Gesellschafter waren zugegen: Frau Wünschmann (Erbin von Frau Charlotte Herold) Frau Lebelt (erste Frau von A.Herold ) Frau Kunert Hartmut Klinger Herr Dr. May aus Dresden Herr Hiller, Notar aus Ebersbach (beide Herren als Vormund für den minderjährigen Hartmut Klinger) An diesem Tag wurde Frau Kunert von allen Anwesenden als Betriebsleiterin ernannt und der Technische Leiter, Herr Rolle, bekam Prokura. (Prokura ist die in einem privaten Betrieb einem Angestellten (Prokurist), erteilte und im Handelsregister eingetragende Vollmacht, alle laufenden Geschäfte vorzunehmen. Der Prokurist zeichnet mit dem Zusatz p.p., per procura, in Vollmacht). Durch die zum Teil jahrelang gefertigte schwere Ware kam es, dass die mechanischen Webstühle immer reparaturbedürftiger wurden. Deshalb wurde beschlossen, den Betrieb durch staatliche Beteiligung mit 120 tschechischen Webautomaten (UTAS) zu versehen. Aus eigenen Mitteln war dies nicht möglich und so wurde aus der OHG (offene Handelsgesellschaft) eine KG-BSB. (KG ist eine Kommanditgesellschaft, eine Personengesellschaft in der sich mindestens zwei natürliche oder juristische Personen zusammengeschlossen haben, um unter einer gemeinsamen Firma ein Handelsgewerbe zu betreiben. BSB ist ein Betrieb mit staatlicher Beteiligung, auch halbstaatlicher Betrieb. Es war eine besondere gemischte Unternehmensform in der DDR zwischen 1956 und 1972. Sie entstand aus privaten Unternehmen, bei denen ein staatlicher Gesellschafter die Mehrheitsanteile übernahm, der ehemalige Eigentümer aber weiterhin das Unternehmen führen konnte). Nach wochenlangen Verhandlungen mit der Staatsbank in Zittau und der Lieferfirma konnte in den Jahren 1967 und 1968 die 120 Webautomaten aufgestellt werden. Dies geschah bei gleichbleibender Produktion. Während der Montage waren zwei tschechische Monteure in unserem Ort. Auf der einen Seite des Saales wurde demontiert und 60 neue Automaten aufgestellt und auf der anderen Seite musste mit den alten Webstühlen zweischichtig gearbeitet werden, um den Plan zu schaffen. Genauso verlief die Arbeit in der anderen Saalhälfte. Der Betrieb hatte nun 120 Webautomaten. Die Weberinnen wurden durch tüchtige Facharbeiter auf die neue Arbeitsweise umgeschult. Was viele nicht wussten, die UTAS Webstühle kamen nicht weit her. Wer heute über Ebersbach nach Jirikov, also Georgswalde fährt , um zu tanken, steht vor dem Werksgelände der Webstuhlfabrik. Karl Adolf Roscher (1852-1905) ein Fabrikant, geboren und gestorben in Neugersdorf. Nach Errichtung der Oberlausitzer Webstuhlfabrik C.A.Roscher in Neugersdorf gründete er 1892 die Nordböhmische Webstuhlfabrik C.A.Roscher in Georgswalde. Um 1905 beschäftigten beide Werke 500 Mitarbeiter und erzeugten jährlich 700 Webstühle. Die Firma erwarb 1924 die in Georgswalde 1895 errichtete Eisengießerei, Webstuhl- und Maschinenfabrik J.G.Wiedermann. 250.000 Roscher-Webstühle liefen vor 1945 in allen Industriestaaten der Erde, es war die größte Webstuhlfabrik Europas. Im Mai 1945 wurde das Werk in Georgswalde enteignet, das Werk in Neugersdorf im September 1945 demontiert und in die UdSSR gebracht. Daraus entstand der uns bekannte VEB Textilmaschinenbau Neugersdorf . Es war nun notwendig, alle 120 Webautomaten zweischichtig laufen zu lassen, denn der durch die Automatisierung aufgenommene Kredit musste in einer festgelegten Zeit an die Staatsbank getilgt werden. Dazu gehörte auch ein höherer Plan und ein höherer Gewinn. Es gab seinerzeit viel Unruhe unter der Belegschaft und manch Einer wollte keine Schichtarbeit leisten und verließ den Betrieb. Neue Arbeitskräfte mussten gewonnen werden. Es gab auch viele Schwierigkeiten wegen der Bezahlung der Arbeitskräfte. Der Betrieb konnte keine volkseigenen Löhne zahlen, weil er nicht volkseigen war. Es kam noch hinzu, dass der Betrieb trotz Schichtarbeit seinen Arbeitern keine Zuteilung von den damals seltenen Südfrüchten wie Apfelsinen, Bananen, Weintrauben usw. anbieten konnte. Die VEB – Betriebe waren dazu in der Lage. Die für den Plan benötigten und rechtzeitig bestellten Garne wurden mit großen Verzögerungen geliefert, obwohl sie von den verschiedenen Spinnereien termingerecht bestätigt waren. Die Betriebsleitung musste oft unterwegs sein,um einige Kisten Garne zu besorgen. Dies alles, um den Betrieb, die Webautomaten, nicht zum Stillstand kommen zu lassen. Diese Misere kam dadurch, dass die Baumwoll – Länder durch Missernten auch nicht termingerecht und in voller Höhe die Spinnereien beliefern konnten. Die volkseigenen Betriebe hatten in dieser Hinsicht überhaupt keine Schwierigkeiten, denn sie wurden an erster Stelle voll abgedeckt, um voll produzieren zu können. Dies alles führte dazu, dass die Betriebsleitung des öfteren zum Vertragsgericht nach Dresden vorgeladen wurde. Die Kunden des Betriebes hatten sich beschwert, dass die abgeschlossenen Verträge nicht eingehalten wurden und demzufolge auch sie ihren Verpflichtungen nicht nachkommen konnten. Dem Vertragsgericht konnten seitens der Betriebsleitung alle Unterlagen beigebracht werden, weshalb die Verzögerungen eingetreten waren. Eine Vertragsstrafe wurde nie ausgesprochen. Dies alles führte aber zu viel Mehrarbeit und war auch obendrein mit großen Mehrkosten verbunden. Anfang des Jahres 1972 wurde die alljährlich stattfindende Gesellschafterversammlung einberufen, an der sämtliche Gesellschafter und deren Vertreter, sowie die Staatsbank Zittau teilnahmen. Im Verlauf der Rechenschaftslegung wurden auch die immer größer werdenden Schwierigkeiten von der Betriebsleitung dargestellt. Von allen Beteiligten wurde der Beschluss gefasst, den Betrieb in „Volkseigentum“ überführen zu lassen. Das sollte dazu dienen, die Belegschaft an all den Vergütungen (Vorteilen) der VEB’s teilnehmen zu lassen und auch der Betriebsleitung eine leichtere Arbeitsweise zu ermöglichen, vor allem aber, um den Betrieb zu erhalten. Nach dieser Gesellschafterversammlung wurde nun wochenlang daran gearbeitet, den Betrieb einzuschätzen und den festgelegten Verkaufswert an die Gesellschafter – anteilig – auszuzahlen. Die feierliche Überführung in Volkseigentum erfolgte am 01.05.1972. Der Betrieb wurde dem VEB Lautex-Werk Neusalza-Spremberg zugeordnet. Bis zum Jahre 1974 wurde nun aus der K.G. eine VEB Weberei und Rauherei Dürrhennersdorf und ab dem Jahre 1975 wurde sie als VEB Lautex Neusalza-Spremberg, Produktionsstätte 3.3.3.Dürrhennersdorf, geführt. Im Jahre 1976 und zwar am 15. März schied Frau Kunert auf eigenen Wunsch, im Rentenalter von 60 Jahren, aus dem Betrieb aus. Ab dieser Zeit leitete Herr Hans Rolle als Produktionsstättenleiter den Betrieb. Er war schon viele Jahre hier als Technischer Leiter , später als Prokurist tätig. Da sich der Gesundheitszustand von Herrn Rolle immer mehr verschlechterte, führte er eine neue Produktionsstättenleiterin in die Leitung des Betriebes ein. Hans Rolle, der in Kottmarsdorf lebte, war unheilbar an Kehlkopfkrebs erkrankt. Er verstarb am 10. Januar 1987. Christina Hölzel ( David) geb. Matzke aus Schönbach begann ihre Tätigkeit als Produktionsstättenleiterin bei uns in Dürrhennersdorf im Februar 1979. Damals hieß der Betrieb „Oberlausitzer Textilbetriebe, Teilbetrieb Neusalza Spremberg / Produktionsstädte 2.5. Gerade zu dieser Zeit stand die ganze Produktionsstätte, da große Kälte den gesamten Betrieb lahmlegte ( kaum Kohle ). Die Weberinnen mussten damals einige Wochen im Werk 2 Schönbach arbeiten. Der Betrieb wurde nur noch so beheizt, dass die Anlage nicht einfror.Nun kamen die ersten ausländischen Arbeiter in unseren Betrieb. Als erstes kamen Kubaner, die hier als Weber, Mechaniker und auch in vielen anderen Tätigkeiten in der Textilindustrie ausgebildet wurden. Einige kamen damals direkt von den Kampfeinsätzen der Kubaner in Angola hier her. Später kamen auch Mosambikaner, die alle im Vierjahresrhythmus ausgewechselt wurden. Den letzten ausländischen Arbeitern wurde dann im Sommer 1989 gekündigt. Teilweise lief fast eine gesamte Schicht mit Ausländern. Viele von ihnen wohnten in Wohnheimen in Schönbach und in Neusalza-Spremberg. Für viele von ihnen war das Leben in Europa neu, aber bald fühlten sie sich heimisch und wurden zu Kollegen, an die man sich vielleicht heute noch erinnert. Durch die Geburt der Tochter Sylvia im November 1981 beendete Frau Christina Hölzel ihre Tätigkeit als Produktionsstättenleiterin und begann nach dem Babyjahr im Hauptbetrieb Neusalza-Spremberg in der Produktionsleitung zu arbeiten. Herbert Clemens, der schon die letzte Zeit mit Frau Hölzel den Betrieb leitete und Produktionsstättenleiter von Neusalza-Spremberg war, wurde in Dürrhennersdorf eingesetzt. Auch er kam aus Schönbach. Zuerst nur tageweise, später übernahm er die Produktionsstätte ganz. Die Rekonstruktion der Produktionsstätte 2.5 Dürrhennersdorf wurde im IV. Quartal 1984 begonnen. Die Utas-Webautomaten wurden bis Jahresende demontiert und verschrottet. In den Monaten Oktober bis Dezember wurden von den Meistern, Mechanikern und den Schlossern der Produktionsstätte an zehn Wochenenden, mit Unterstützung der Kollegen aus Schönbach, 50 neue russische STB-Webautomaten ausgepackt, in den Websaal gebracht, entkonserviert und für den Probelauf vorbereitet. Diese neuen Greiferband STB-Webautomaten kamen aus dem russischen Novosibirsk. Sie waren ein Liezensbau der Schweizer Firma Sulzer Rüti. Zwei russische Monteure Sergej Rodionow und Alexander Seliwanow unterstützen unsere Meister beim Aufbau. Unter den bei uns aufgestellten STB Webautomaten befand sich auch der 1.000. STB-Webautomat, der von der damaligen Sowjetunion an die Oberlausitzer Textilbetriebe geliefert wurden. An mehreren Wochenenden in den Monaten Januar und Februar 1985 wurden die restlichen 24 Webautomaten in unserer Weberei aufgestellt. Bis zum 31.März 1985 wurden alle Maschinen montiert und mit Ketten belegt, bis zum 30. April 1985 war der Probebetrieb auf allen 74 Webautomaten abgeschlossen. Die Stoffbreite die sie herstellten war breiter, und es mussten auch keine Schussspulen mehr aufgesteckt werden, da der Schuss direkt von großen Kreuzspulen gezogen wurde. So entfiel der Arbeitsgang, das erst das Garn von Kreuzspule auf Kanetten gespult wurde. Diese an den Webautomaten durch Spulenaufstecker aufgesteckt wurden und nach dem sie leer waren eingesammelt wurden. Auch mussten Fadenreste von den Kanetten abgewickelt werden um auf sie dann wieder zu verwenden. Ab Mai 1985 liefen die Webautomaten auf Dauerbetrieb. Aus gesundheitlichen Gründen, aber auch altershalber schied Herbert Clemens im Frühjahr 1986 aus dem Betrieb aus. Nun übernahm Frau Renate Kanich aus Beiersdorf die Leitung des Betriebes. Während ihrer Leitungstätigkeit wurde sehr viel umgebaut. So wurde der Websaal gefliest, der Fahrstuhl gebaut, der Hof betoniert, die Schuppen massiv erneuert, die Schlosserei umgebaut, eine Elektrikerwerkstatt eingebaut und die Klimaanlage erneuert. Auch wurde der Ausbau der neuen Büroräume mit der neuen Warenschau, dem Meisterraum und der Prophylaxe fertiggestellt. Im Sommer 1989 kam sie von einem Besuch aus der BRD nicht wieder. Kurz hintereinander kamen als Leiter ein Herr Hampel aus Lauba, 4 Wochen ein Herr Dresler aus Oppach und zuletzt ein Herr Holfeld aus Beiersdorf. Ab Ende Oktober liefen nur noch bei einigen Webstühlen die Ketten ab und die Weber und Mechaniker mussten die Webstühle reinigen. Am 08. November 1990 war der letzte Arbeitstag. Die Weber wurden zuerst nach Schönbach umgesetzt, Mechaniker und Schlosser wurden auf Kurzarbeit Null gesetzt. Teile wurden in der ABS , Arbeitsbildung und Strukturgesellschaft Sitz in Neusalza Spremberg zusammengefügt. Einige der Mechaniker und Meister waren dann von Mai 1991 auf 0 und dann als ABM beschäftigt. Da die STB-Webautomaten an eine türkische Firma verkauft wurden, die sie auch hier abbauten, wusste man nun das es mit der Weberei nicht mehr weitergehen wird. Die in Schönbach stehenden STB Webautomaten wurden einfach verschrottet. In der Zeit von 01.01.1992 bis 1996 gehörte die Immobilie zur TGO Textil GmbH mit Sitz in Zittau. Der Betrieb wurde bereinigt bzw. entkernt. 1993 bis zur Fertigstellung der neuen Produktionshalle der Klaus Riedel GmbH mietete man einen Teil des Betriebsgebäudes. Klaus Riedel ließ in der ehemaligen Vorbereitung Produktionsteile schweißen. Auch war eine Farbgebung bzw. Lackiererei untergebracht. Da Bemühungen einer eventuellen Rückführung oder eine Übernahme nicht fruchteten wurde die Immobilie einer Immobilienverwaltung der Treuhand in Leipzig übertragen. Das Gebäude und Gelände verfiel immer mehr. Nun bemühte sich die Gemeinde die Immobilie zu erwerben und mit Hilfe von Fördermitteln zu Renaturieren. Der Abriss begann im Juli 2007. Als der Schornstein gesprengt wurde (21.08.2007), beendete es eine Geschichte der Weberei in unserem Ort. Zwei Weltkriege, die Weltwirtschaftskrise, die Mangelwirtschaft der DDR hatte der Betrieb überstanden, aber der Weg in die Wiedervereinigung Deutschland, was ja auch ein Sprung von der sozialistischen Planwirtschaft zur weltweiten Marktwirtschaft war, beendete nun ein Industriezweig nicht nur bei uns im Ort. Viele verschiedene Aspekte spielten dabei eine Rolle. Heute ist auf dem Gelände des Betriebes ein Baubetrieb angesiedelt und 3 Baugrundstücke wurden von der Gemeinde erschlossen. Zwei Wohnhäuser sind nun schon auf dem Gelände gebaut. Ein Baugrundstück ist zur Zeit noch frei.
Hartmut Klinger
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